"Gründung" des Staatsarchivs

"Gedächtnis des Kantons"

Bild einer alten Archivschublade
"Trucke" zur Aufbewahrung von Akten in der Registratur der alten Stadtkanzlei

Das Staatsarchiv Zürich bewertet, übernimmt und bewahrt im Rahmen seines Kernauftrags das Verwaltungsschriftgut des 1803 in der heutigen Form entstandenen Kantons Zürich. Gleichzeitig bewahrt das Staatsarchiv das Verwaltungsschriftgut der Rechtsvorgänger des Kantons auf, also die Unterlagen des helvetischen Kantons und insbesondere des alten Stadtstaats und Vororts Zürich, wie er bis 1798 bestanden hat. Neben der Funktion als "amtliches Gedächtnis der Verwaltung" ist das Staatsarchiv heute eine vielseitige Dokumentations- und Forschungsstätte für die Wissenschaft und die interessierte Öffentlichkeit und in diesem Sinn auch "Gedächtnis des Kantons".

Meist wird 1837 als das Jahr der "Gründung" des Staatsarchivs im modernen Sinn angenommen. Tatsächlich markiert das Jahr 1837 in mehrfacher Hinsicht den Beginn einer neuen Zeit im Zürcher Archivwesen: Erstens erhielt der am 4. Februar zum Nachfolger des bisherigen "Registrators" Hans Jakob Ammann gewählte Historiker Gerold Meyer von Knonau nachträglich am 7. November die neue Bezeichnung "Staatsarchivar", zweitens war Meyer von Knonau dank einem Jurastudium in Berlin der erste wissenschaftlich vorgebildete Archivvorsteher, drittens begann 1837 die Verschmelzung der verschiedenen Sonderarchive des Kantons zu einem Zentralarchiv, das viertens im Fraumünsteramt auch räumlich erstmals selbständig in Erscheinung trat, und fünftens bedurfte die Archivbenützung durch Aussenstehende fortan nicht mehr einer regierungsrätlichen Genehmigung.

Geheimhaltungsprinzip – Öffentlichkeitsprinzip

Zwar kann also 1837 nicht von einer "Gründung" des Staatsarchivs durch einen formellen regierungsrätlichen Beschluss oder durch ein entsprechendes Gesetz gesprochen werden. Aber mit dem Übergang vom Geheimhaltungsprinzip zum Öffentlichkeitsprinzip erweist sich das Staatsarchiv als typisches Kind der Regenerationszeit auf der Grundlage der neuen Kantonsverfassung von 1831. Grosser Rat (heute Kantonsrat), Regierungsrat und Obergericht publizieren seither Rechenschaftsberichte über ihre Tätigkeit (jener des Regierungsrats berichtet u. a. über die Tätigkeit des Staatsarchivs). 1832 folgte mit dem ersten Schulgesetz die allgemeine Schulpflicht, 1833 die Gründung der Universität, 1834 die Einführung eines kantonalen Amtsblatts, 1835 die Gründung der Kantonsbibliothek. Die Pressezensur war bereits 1829 abgeschafft worden.

Zuvor war das Archivwesen im alten Stadtstaat Zürich bis 1798 aufs Engste mit dem Kanzleibetrieb verbunden gewesen. Die Verantwortung für das Archiv lag beim Stadtschreiber, bevor 1701 das Amt des "Registrators" geschaffen wurde. Daneben existierten Sonderarchive, namentlich das so genannte Finanzarchiv (mit den Archivbeständen der säkularisierten Klöster) sowie die Archive der Kirchen- und der Schulbehörden. Der Zugang zum Archiv war im Wesentlichen Amtspersonen vorbehalten. Diese Verhältnisse bestanden nach der Zwischenphase der Helvetik grundsätzlich bis 1831 fort, wobei 1803/05 die Ausscheidung der Stadtgemeinde Zürich die Abtretung gewisser Archivbestände an das verselbständigte Stadtarchiv zur Folge hatte.