Paul Schweizer

Grundlagen für ein modernes Archiv

Porträt von Staatsarchivar Paul Schweizer
Paul Schweizer (1852–1932), Staatsarchivar von 1881 bis 1897

Prägend für die weitere Entwicklung des Staatsarchivs wurde die Amtszeit von Paul Schweizer (1852–1932), Staatsarchivar von 1881 bis 1897. Seine Nachfolger hoben die Verdienste Schweizers um die Entwicklung des Archivs noch Jahrzehnte später hervor. Mit ihm, zuvor Privatdozent an der Universität Tübingen, übernahm der erste universitär ausgebildete Historiker die Archivleitung. Sein 1882 kurz nach Amtsantritt festgelegter und 1897/1900 als “Inventar des Staatsarchives des Kantons Zürich“ in detaillierter Form publizierter und vom Regierungsrat formell genehmigter „Einteilungsplan“ mit erstmals vom Standort unabhängigen Signaturen ist in den Grundzügen (Archivabteilungen A–V und Y) bis heute gültig geblieben und stellt gleichzeitig bis heute das einzige gedruckte Inventar des Gesamtarchivs dar. Die von seinem Vorgänger in Angriff genommene Reorganisation führte Schweizer damit zu einem vorläufigen Ende, ohne aber Stricklers unglücklichen Umgang mit gewachsenen Archivstrukturen fortzusetzen. 1890 ordnete Schweizer die Archivbestände aus der Zeit der Helvetik; neu übernehmen konnte er 1886 das Archiv der kantonalen Strafanstalt, 1887 das Archiv des Obergerichts und 1891 das Zeughausarchiv sowie 1897 als Depositum die Urkundensammlung der „Antiquarischen Gesellschaft in Zürich“. Parallel dazu wurde 1882 die Ablieferungspflicht sämtlicher kantonaler Verwaltungsstellen erstmals gesetzlich geregelt.

Deutsches Archivwesen als Vorbild

Die leidige Raumfrage suchte Staatsarchivar Schweizer 1888 mit einem von ihm selbst entwickelten Neubauprojekt zu lösen, wobei er sich an ausländischen, namentlich neuerstellten Archivgebäuden im Deutschen Reich orientierte, die er auf Reisen selber studiert hatte. Als Standort für den Neubau schlug Schweizer den untersten Teil des Turnplatzes der Kantonsschule am (heutigen) Heimplatz vor, der die Nähe einerseits zum damaligen Regierungsgebäude im Obmannamtsgebäude, anderseits zu den „wissenschaftlichen Anstalten“ garantierte, den beiden institutionellen Bezugspunkten des Archivs.

Auch in anderen Bereichen des Archivwesens waren für Schweizer die deutschen, namentlich die preussischen Verhältnisse, das massgebliche Vorbild. In der Schweiz etablierte er sein Archiv neben dem Bundesarchiv in Bern als bedeutendstes kantonales Archiv des Landes und festigte dessen Ruf als wissenschaftliche Einrichtung, deren Benutzung dem „Grundsatz möglichster Liberalität“ folgte, entscheidend. Gleichzeitig fungierte er andernorts als Berater, so 1888 in Chur, wo er auf Empfehlung von Bundesarchivar Jakob Kaiser ein Gutachten und einen Archivplan für das Staatsarchiv des Kantons Graubünden erstellte, oder 1896 in Winterthur, wo er für das Stadtarchiv ebenfalls ein Gutachten erstellte.

Publikationen und Ausstellungen

1885 war Schweizer Mitinitiant und dann ab 1888 zusammen mit Jakob Escher-Bodmer (1818–1909) Bearbeiter des „Urkundenbuchs der Stadt und Landschaft Zürich“, für das der Regierungsrat vorerst auf sechs Jahre Fr. 500.– pro Jahr an die Druckkosten zusicherte und Schweizer erlaubte, die bisher für Ordnungsarbeiten des Urkundenarchivs eingesetzte Zeit für die Bearbeitung des Urkundenbuchs zu verwenden. Bis 1916 erschienen 10 Bände des Urkundenbuchs, für die Schweizer verantwortlich zeichnete; für die Fertigstellung des 1920 veröffentlichten Bandes 11 war nach einer Erkrankung dann Friedrich Hegi besorgt. Daneben publizierte Schweizer 1894 die „Geschichte des Zürcher Staatsarchives“ (eigentlich: des Zürcher Archivwesens) und 1895 seine „Geschichte der schweizerischen Neutralität“, um nur die beiden wichtigsten Titel zu nennen. 1891 organisierte er zu Ehren der in Zürich tagenden „Geschichtforschenden Gesellschaft der Schweiz“ die erste öffentliche Ausstellung von Archivalien (und Drucken) des Staatsarchivs; zuvor hatte er 1885 den Bundesbrief von 1291 aus Schwyz entliehen und erstmals fotografieren lassen.