Editionsprojekte

Neuedition des Zürcher Richtebriefs

«Schöne» Gesetzestexte: Eine Doppelseite der Richtebrief-Handschrift des Staatsarchivs aus dem Jahr 1304 mit der kunstvoll gestalteten Inhaltsübersicht zum vierten Teil der Gesetzessammlung, in dem so unterschiedliche Dinge wie Hochzeiten, fremde Münzen, Nachtruhe, Bauabstände und Grabsteingrössen geregelt werden. (StAZH B III 1, fol. 65v–66r)

Der Rechtsquellenband «Zürcher Richtebrief» (SSRQ ZH NF I/1/1) enthält das älteste Stadtrecht Zürichs. Als «Richtebrief» wurde vom 13. bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts eine Sammlung von Satzungen (Gesetzen) bezeichnet, welche die Grundlage für die Rechtsprechung des Ratsgerichts, des Schultheissengerichts und ab 1304 der so genannten Pfaffenrichter des Chorherrengerichts bildete.

Der ursprüngliche, heute nicht mehr erhaltene Richtebrief, der sich vor allem mit Übergriffen gegen Leib und Leben sowie Verstössen gegen das friedliche Zusammenleben innerhalb der Stadtmauern befasste, wurde im Laufe der Zeit erweitert und regelte immer mehr Bereiche des städtischen Lebens. Der Zürcher Rat erliess Satzungen betreffend Bürgerrecht, Liegenschaftenerwerb durch Klöster, Hochzeiten, Nachtruhe, Waffentragen, Tuch- und Weinhandel, Bau- und Kreditwesen, Glücksspiel, Fischerei und vielem mehr. Der Rat regulierte aber auch sich selber, indem er etwa die Modalitäten seiner Wahl festlegte oder die Annahme von Bestechungsgeldern durch Ratsmitglieder unter Strafe stellte.

Komplizierte Überlieferung

Der Zürcher Richtebrief ist in mehreren Versionen überliefert. Diese lassen sich grob in eine ältere und eine jüngere Gruppe einteilen.

Der älteren Gruppe sind eine kleinformatige, um 1298 entstandene Pergamenthandschrift, das so genannte Leonhardbuch (Zentralbibliothek Zürich, Ms. C 179), sowie zwei vom Chronisten Johannes Stumpf im 16. Jahrhundert angefertigte, nahezu identische Abschriften eines im Original nicht mehr erhaltenen Richtebriefs von um 1300 zuzurechnen. Ebenfalls zur älteren Gruppe gehört eine Pergamenthandschrift von um 1298 (Staatsarchiv Schaffhausen, Urkunden 1/238), die auf den Zürcher Richtebrief und auf ein heute verschollenes Konstanzer Rechtsbuch, das wiederum Zürcher Wurzeln zu haben scheint, zurückgeht. Die Rekonstruktion der Abhängigkeiten dieser teilweise verlorenen oder nur noch abschriftlich vorhandenen Überlieferungen des Richtebriefs beschäftigt die Forschung seit Jahrzehnten, ohne dass alle Fragen abschliessend geklärt werden konnten.

Eine Zimelie des Staatsarchivs

Die zweite Gruppe der Überlieferung bilden zwei jüngere Versionen des Richtebriefs: Einerseits eine 1304 vom damaligen Stadtschreiber Niklaus Mangold überarbeitete Version, die in einer sorgfältig gestalteten Pergamenthandschrift im Original überliefert ist, dem so genannten Niklausbuch (StAZH B III 1), anderseits eine Abschrift aus dem 17. Jahrhundert eines um 1327 unter dem Stadtschreiber Konrad entstandenen Richtebriefs, das so genannte Konradbuch, das umfangreicher ist als das Niklausbuch und Nachträge bis zum Jahr 1418 enthält und damit am längsten in Gebrauch stand.

Die Richtebrief-Überlieferung im Leonhardbuch, ergänzt um die beiden Abschriften von Stumpf, wurde bereits 1735 vom Zürcher Gelehrten Johann Jakob Bodmer erstmals in einer gedruckten Edition zugänglich gemacht. Im 19. Jahrhundert folgten Editionen des jüngeren Niklausbuchs sowie des Schaffhauser Richtebriefs. Im 20. Jahrhundert gab es mehrfach Bestrebungen für eine Neuedition des Richtebriefs nach modernen wissenschaftlichen Grundsätzen, wie sie 2007–2011 als Pilot des Projekts eRQZH endlich realisiert werden konnte.

Die Neuedition

Ziel der Neuedition ist es, der wissenschaftlichen Forschung erstmals alle sowohl in Zürich wie auch in Schaffhausen überlieferten Satzungen des Richtebriefs gesamthaft zur Verfügung zu stellen. Die Quellentexte sind in der Regel zweispaltig ediert, um den ständigen Textvergleich zwischen der jüngeren und der älteren Version zu ermöglichen.

In seiner um 1300 überlieferten Form mit rund 360 Artikeln ist der Zürcher Richtebrief eine der bedeutendsten spätmittelalterlichen Gesetzessammlungen des deutschen Sprachgebiets. Die Bestimmungen des Richtebriefs sind nicht nur aus rechtshistorischer Sicht von grossem Interesse, sondern bilden auch reichhaltiges Quellenmaterial für Forschende der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, denn sie gewähren einen einzigartigen Einblick in das Leben im spätmittelalterlichen Zürich.

Friedrich von Wyss urteilte im 19. Jahrhundert: «In dem Richtebrief von 1304, dem schönsten Denkmal des alten Zürich, hatte sich das volle Leben kund gegeben, das die Stadt beseelte.»

  • Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen, namens des Schweizerischen Juristenvereins herausgegeben von dessen Rechtsquellenstiftung. I. Abteilung: Die Rechtsquellen des Kantons Zürich. Neue Folge. Erster Teil: Die Stadtrechte von Zürich und Winterthur. Erste Reihe: Stadt und Territorialstaat Zürich. Erster Band: Zürcher Richtebrief. Bearbeitet von Daniel Bitterli. Schwabe Verlag Basel 2011. XCVI und 303 Seiten. ISBN 978-3-7965-2717-3. Preis CHF 190.–, € 133.–.